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"Diskriminierung von Frauen ist kompletter Schwachsinn"

Weiß, mittleren Alters und – männlich. So sieht der klassische Mitarbeiter in den IT-Abteilungen der westlichen Welt aus. Dabei sind Otto-Normalverbraucher der neuen, digitalen Welt mehrheitlich Frauen: Sie shoppen online und sie bilden beispielsweise in den sozialen Netzwerken die Mehrheit. 

Vereinzelt gibt es bereits Frauen in Führungspositionen im Tech-Bereich. Unternehmen wie SAP gehen hier mit guten Vorbild voran. Einer Bitkom-Umfrage von 2015 zufolge liegt der Frauenanteil in Top-Management gerade mal bei 5 Prozent. 

Warum arbeiten Frauen so selten in der IT-Branche? Eine Frage, der mittlerweile auch viele Unternehmen nachgehen. Die Abwesenheit weiblicher Fachkräfte macht sich nämlich auch bei ihnen bemerkbar: Sie stehen vor einem Fachkräftemangel und möchten durch weibliche Expertinnen ihre homogenen Teams durch neue Perspektiven und Ideen anreichern. 

Die Herausforderungen der Wirtschaft, mit dem digitalen Wandel umzugehen, kennt Carolin Desirée Töpfer aus ihrem Alltag. Als unabhängige Digital Strategy Consultant unterstützt sie ihre Kunden auf dem Weg in die digitale Welt. 

Dabei ist sie auf der Suche und Erarbeitung von Lösungen für die damit verbundenen komplexen Herausforderungen in den Bereichen IT-Infrastruktur, Datennutzung und Datenschutz sowie IT-Sicherheit.

Ein Diplom in Politik war ihr nicht genug, deshalb hat sie noch Informatik studiert. Schon während ihres Politikstudiums hatte Carolin Desirée Töpfer den Wunsch, ein technisches Zweitfach hinzuzunehmen. Das war damals in Kombination mit einem geisteswissenschaftlichen Hauptfach aber nicht möglich. 

 

Rebekka: Frau Töpfer. Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit nehmen und sich unseren Fragen stellen.

Sie sind viel unterwegs, entweder direkt bei Ihren Kunden vor Ort oder auf Events. Dazu geben Sie noch virtuelle Tech-Coachings für Führungskräfte und arbeiten dazu noch an eigene Projekte. Zwischendurch bloggen Sie über den digitalen Wandel und daraus entstehende Herausforderungen.

Mit Ihrem vielfältigen Hintergrund: Was denken Sie über die berühmten strukturellen Hindernisse einer Männerdomäne wie der IT-Branche?

Carolin Desirée Töpfer: 

Eigentlich wissen wir alle, dass die Diskriminierung von Frauen und auch anderen Bevölkerungsgruppen kompletter Schwachsinn ist. Es gibt zahlreiche Studien die zeigen, dass diverse Teams erfolgreicher und kreativer arbeiten. Auch in meinen Workshops sehe ich immer wieder, wie wertvoll eine Diskussion zwischen Teilnehmern mit ganz unterschiedlichen Perspektiven sein kann. Besonders der naturwissenschaftlich-technische Bereich kann sein Potential momentan gar nicht voll entfalten. Nicht nur, weil generell Experten fehlen, sondern auch, weil Experten mit unterschiedlicher Sozialisierung, Erfahrung und Problemlösungskompetenz fehlen.

 

Rebekka: Wussten Sie schon immer, dass Sie mit Informatik arbeiten werden?

Carolin Desirée Töpfer:

Nein. Ich habe schon früh angefangen, mich mit Webdesign, Programmierung und Robotik zu beschäftigen. Allerdings konnte ich mit dem Matheunterricht in der Schule nichts anfangen und hätte nach dem Abitur daher nie im Erststudium Informatik gewählt. Während meiner Zeit als Angestellte, wurden IT-Projekte immer eher von Kollegen an mich herangetragen und ich habe mich dann gefreut, dass ich etwas erarbeiten konnte was mir liegt. Ich habe meine IT-Kenntnisse aber lange nicht als besondere Fähigkeiten wahrgenommen.

 

Rebekka: Haben Sie sich aktiv für eine Karriere in der IT-Branche entschieden oder hat es sich aus anderen Zusammenhängen ergeben?

Carolin Desirée Töpfer: 

Meine Karriere in der IT-Beratung hat sich dann aus meinem Geschäftsmodell ergeben. Ich habe einfach gesehen, wie viele Probleme aufgrund von technischer Rückständigkeit in Unternehmen entstehen und wollte dafür eine Lösung anbieten. Für mich war es logisch, dass der Kern des Problems in der IT-Infrastruktur und dem technischen Verständnis der Mitarbeiter und Führungskräfte liegt – aber eben auch in den sozialen Herausforderungen rund um die Digitalisierung.

 

Rebekka: Glauben Sie, dass mehr Frauen in der IT-Branche arbeiten sollten? Wenn ja, warum?

Carolin Desirée Töpfer: 

Das eigentliche Ziel ist natürlich, dass es keine Rolle mehr spielt, ob eine Frau oder ein Mann einen Job erledigt – ganz egal welchen Job. Aber alleine, um sich diesem Zustand anzunähern, braucht es natürlich viel mehr Frauen in den IT-Abteilungen und allen angrenzenden Bereichen.

 

Rebekka: Gab es hierzu einen bestimmten Vorfall, der Ihnen in Erinnerung geblieben ist?

Carolin Desirée Töpfer: 

Für mich ist dieser Mangel jeden Tag sichtbar. Es fängt bei der Hardware und Werkzeugen an. Alles ist auf Männer und Männerhände ausgelegt. Auf Developer Konferenzen und von Recruitern werde ich immer wieder angesprochen, weil sich Personalverantwortliche und auch die männlichen Mitarbeiter mehr weibliche Sichtweisen in ihren Teams wünschen. 

 

Rebekka: Was bieten Frauen der IT-Branche?

Carolin Desirée Töpfer: 

Schaut man sich IT-Teams und die Besucher entsprechender Fachevents an, dann trifft man überwiegend Männer mit ähnlichen Merkmalen. Das ist nicht böse gemeint, es hat sich einfach mit der Zeit so ergeben. Nun besteht aber unsere globale Gesellschaft auch noch aus vielen anderen Bevölkerungsgruppen mit unterschiedlicher Sozialisierung und anderen Perspektiven. Neben dem Hardware-Bereich wird dies auch interessant, wenn man sich z.B. die Bias-Problematik bei Algorithmen anschaut. Natürlich gibt es auch Männer, die sich mit Gleichberechtigung und Nutzerfreundlichkeit für andere Zielgruppen auseinandersetzen. Aber ich finde, es ist immer ein Unterschied, ob man eine Persona im Kopf hat oder ein realer Mensch im Projektmeeting seine Position vertreten kann.

Auch betrachten wir z.B. in meinen Workshops immer die logische und die Gefühls-Ebene komplexer technischer Themen. Da merke ich, dass es Frauen oft leichter fällt, sich in andere – vielleicht weniger qualifizierte – Nutzer hineinzuversetzen. Das ist eigentlich ein großer Vorteil, gerade in kritischen Bereichen wie der IT-Sicherheit. Häufig werden solche Soft Skills aber noch als typisch weibliche Schwäche ausgelegt. Im Endeffekt bin ich mir sicher, dass diverse Teams und eine gelebte Gleichberechtigung zu vielfältigeren und erfolgreicheren Produkten und Services führen würden.

 

Rebekka: Was bietet die IT-Branche Frauen?

Carolin Desirée Töpfer: 

Eigentlich ist die IT-Branche und auch jedes Unternehmen mit einer aktuellen IT Infrastruktur bestens für Frauen geeignet, die eine spannende Karriere mit einer Familie oder einem zeitaufwändigen Hobby vereinen möchten. Cloud-Lösungen, Virtual Machines, IoT, Augmented & Virtual Reality und eine immer bessere Konnektivität machen das Arbeiten von Zuhause und auf Reisen möglich. Kombiniert mit flexiblen Arbeitszeitmodellen, könnte diese Entwicklung zudem viele Frauen aus der Halbtags-Falle befreien und neue Karriere-Optionen bieten.

 

Rebekka: Sehen Sie sich als Vorbild für junge Frauen?

Carolin Desirée Töpfer: 

Vielleicht bin ich auf dem Weg dahin, einmal ein gutes Vorbild zu werden. Ich versuche jedenfalls, andere Frauen zu unterstützen, beim Networking zu helfen und ehrliches Feedback zu geben. Eben genau das zu tun, was ich mir auch von anderen wünsche.

 

Rebekka: Wie können Frauen dazu motiviert werden, Informatik zu studieren?

Carolin Desirée Töpfer: 

Ich glaube, wenn wir schon bei Kleinkindern aktiv darauf achten würden, gewisse Themen und Fähigkeiten nicht nur Mädchen oder nur Jungs zuzuschreiben, dann würde sich das auch in der Berufswahl zeigen. Das heißt für mich auch, dass es okay sein muss, schicke Kleidchen zu tragen und gleichzeitig an Computern zu basteln. 

 

Rebekka: Was würden Sie einer jungen Frau raten, die sich überlegt, Informatikerin zu werden?

Carolin Desirée Töpfer: 

Mich motiviert es immer, neben dem Studium eigene Projekte zu haben und mir Dinge selber zu erarbeiten. Damit kann man auch schon vor dem Studium anfangen und sich dann anschauen, welche Fakultät am besten zu den eigenen Interessen passt. Und mit der Erfahrung meines Erst- und Zweitstudiums kann ich sagen, dass es Sinn macht sich möglichst wenig unter Druck zu setzen und einfach sein Ding zu machen. Auch schätze ich die Tech Community in den Sozialen Medien. International gibt es viel mehr Frauen in technischen Berufen. Da fühlt man sich dann nicht mehr so ganz als Teil einer Minderheit, sondern als Teil einer Gruppe, die halt ein bisschen weiter auseinander wohnt.

 

Rebekka: Gibt es etwas, von dem Sie sich bis heute wünschen, jemand hätte Sie davor gewarnt?

Carolin Desirée Töpfer: 

Mit Warnungen und Ratschlägen ist das so eine Sache. Mittlerweile habe ich gelernt, zwei Arten zu unterscheiden. Es gibt Menschen, die schon einmal in der gleichen Situation waren und deshalb konstruktives Feedback und hilfreiche Tipps geben können. Und dann gibt es die, die einen völlig anderen Hintergrund haben und es vielleicht gut meinen, aber gar nicht richtig hilfreich sein können. Beide kann man sich anhören, am Ende muss sowieso jeder seine eigene individuelle Entscheidung treffen. 

 

Rebekka: Welche Charaktereigenschaft (eine Wichtige) brauchen Frauen in der IT und wie können sie diese trainieren?

Carolin Desirée Töpfer: 

Authentisch sein ist wichtig. Und sich vielleicht auch damit abfinden können, dass nicht jeder einen gut findet.

 

Rebekka: Wie sieht die Zukunft der IT-Branche ohne Frauen aus?

Carolin Desirée Töpfer: 

Wir haben heute schon eine akuten Fachkräftemangel im IT-Bereich. Mit dem zunehmenden Druck auf Unternehmen, die Digitalisierung umzusetzen und neue Technologien zu implementieren, wird dieser sich in den nächsten Jahren noch wesentlich verschärfen. Wer da lieber Stellen unbesetzt lässt als Frauen zu fördern, schneidet sich ins eigene Fleisch.

 

Rebekka: Welche Karriere-Möglichkeiten bietet die IT-Branche Frauen in der Zukunft?

Carolin Desirée Töpfer: 

Ich bin überzeugt, dass wir in der Gleichberechtigung weiter Fortschritte machen und Frauen dann sowohl als Angestellte, in der Forschung als auch als Gründerinnen die gleichen Chancen und Mittel erhalten, wie ihre männlichen Mitbewerber. Zusätzlich zu den bestehenden Jobprofilen, sehe ich Potential in Schnittstellenfunktionen. Unternehmen benötigen immer mehr Mitarbeiter, die technisches Verständnis und kommunikative Fähigkeiten mitbringen, um zwischen verschiedenen Teams zu vermitteln und akute nicht-technische Probleme zu lösen. Dafür muss man nicht unbedingt ein komplettes Informatikstudium absolvieren oder programmieren können. Trotzdem sind solche Jobs spannend und für erfolgreiche IT-Projekte entscheidend. 

 

Rebekka: Was würden Sie gerne einer Frau/einem Mann sagen, die/der zu Ihnen meint: Frauen gehören nicht in die IT.

Carolin Desirée Töpfer: 

Eine veraltete IT-Infrastruktur zu erneuern ist wesentlich einfacher, als jemanden mit einem veralteten Mindset fit für die Zukunft zu machen. 

 

Rebekka: Vielen Dank für das Gespräch, Frau Töpfer.

 

Übrigens: Carolin Desirée Töpfer veranstaltet in Zusammenarbeit mit dem Cyber Defense Center der Deutschen Telekom AG am 05.07.2018 in Bonn das 1. Women in IT Security Breakfast. Eine Handvoll Expertinnen werden Rede und Antwort stehen, über verschiedene Jobprofile informieren und hilfreiche Karriere-Tipps geben. Treffpunkt ist das Cyber Defense Center der Deutsche Telekom AG.

Die Plätze sind begrenzt. Anmeldung direkt per E-Mail an cdt@digitalisierung-jetzt.de*.

 

Mehr zu Carolin Desirée Töpfer findet ihr auf ihrem Blog.

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